Neue Schrift in der Gasse: die Gabriele von Hans Möhring. Es ist die letzte Schrift der vor allem in der Kaiserzeit und den 1920ern erfolgreiche Gießerei Woellmer, die 1939, im Jahr nach der Veröffentlichung aufgelöst wurde. Gabriele ist als Name so profan, dass Schriften selten so benannt wurden. Vielleicht hat jemand Gabriele geliebt und die Schrift ihr gewidmet–ich weiß es nicht, aber es brachte mich dazu dem Profanen mit dem Existenziellem zu begegnen und griff zu Albert Camus, genauer zu L’Homme révolté von 1951. Was man halt so macht, wenn man unversehens eine Gabriele in der Setzergasse trifft.
Mir gefällt die in dieser Zeile Camus, eingefangene Idee. Dies, da Camus’ Idee von Kultur als „Schrei des Menschen angesichts seines Schicksals“ heute eine neue Aktualität, ja Schärfe innewohnt. In einer Zeit, in der Kultur wieder als Identitätsmarker, als Besitz oder als politisches Instrument der Abgrenzung als Legitimation zur Ausgrenzung verhandelt wird, erinnert Camus daran, dass Kultur nicht Ordnung stiftet, sondern aus der Auflehnung gegen das Absurde entsteht. Kultur ist für ihn kein Erbe, das verwaltet wird. Nichts auf das man sich billig berufen, welches man gar leistungslos ererben kann. Nein, für Camus ist Kultur ein Akt der Freiheit, der sich gegen jede Vereinnahmung sperrt.
Damit steht Camus in einer stillen Allianz mit Hannah Arendt, die Kultur als Raum des Erscheinens verstand: ein Ort, an dem Menschen sich zeigen, ohne sich einem totalen Sinn oder einer ideologischen Geschlossenheit zu unterwerfen. Beide misstrauen jeder Kultur, die sich auf gesellschaftlichen Zwang, gar „Notwendigkeit“ beruft. Wo Kultur zur Pflicht wird, verliert sie ihren menschlichen Ursprung.
Auch Adorno lässt sich hier anschließen, wenn auch aus anderer Richtung. Seine Kritik an der Kulturindustrie zeigt, wie Kultur unter autoritären oder ökonomischen Bedingungen zur Ware oder Propaganda verkommt. Camus’ „Schrei“ ist das Gegenbild: ein unverwalteter Ausdruck, der sich der Funktionalisierung entzieht. Kultur beginnt dort, wo Menschen nicht konsumieren, sondern widersprechen.
Nietzsche wiederum liefert den Unterbau dieses Kulturbegriffs, indem er den Ursprung von Kultur in der Spannung, nicht der Harmonie verrotte. Sein apollinisch-dionysisches Verständnis, dass Kultur aus dem Konflikt von sich entfaltenden Schöpfungskräften die auf eine diese begrenzende Form treffen, hervorgeht, findet bei Camus eine existenzialistische Wendung. Der Schrei ist dionysisch, die Revolte apollinisch – Kultur ist das fragile Gleichgewicht zwischen beiden.
Sartre radikalisierte dann die Freiheit, die Camus begrenzt. Während Sartre Kultur als Projekt der Selbsterschaffung versteht, insistiert Camus auf der Grenze: Kultur ist Revolte innerhalb der Welt, nicht Flucht aus ihr. Gerade diese Bescheidenheit macht Camus Begriff heute so wertvoll. Er immunisiert gegen die heute wieder populären autoritär-totalen Kulturentwürfe, welche Menschlichkeit und Freiheit im Namen der Kultur opfern.
Camus erinnert uns mit dieser Zeile also daran, dass Kultur nicht das ist, was uns eint, sondern das, was uns menschlich macht: der dem kollektiven Ringen mit den uns begrenzenden Zwängen entstammenden Schrei, der besagt, dass wir mehr sind als unser Schicksal, dass wir als Menschen zwar zur Handlung verdammt sind aber dass wir als Menschen in eben unserer Menschlichkeit daher letztlich auch für diese Handlung Verantwortung tragen.
Sagt also Hallo zur Gabriele, Neuzugang in der Setzergasse




Kultur:
Handgedruckte Karte in der Gabriele in 20p und der Largo in 4p
Gedruckt in HKS Prozessblau auf verkehrsgelben Fotokarton
