David Carson, der Surfer, der die Schrift befreite, war immer einer meiner Helden in der Typographie.
Es gibt Designer, die Regeln perfektionieren – und dann gibt es David Carson, der sie einfach ignoriert hat. In den frühen 1990ern, als ich mein Studium der Visuellen Kommunikation gerade beendete und Grafikdesign noch brav in den strengen allgegenwärtigen Rastern des Swiss Design stand, tauchte Carson auf wie eine kalifornische Megawelle, die über einem ordentlich nach Größe, Farbe und Inhalt sortierten Bücherregal zusammenbricht und alles in einem rauschhaften Malstrom aus Typen und Energie verwandelt. Und plötzlich war alles anders.
Carson war ursprünglich Surflehrer, was sich aus Sicht der Exegeten rückblickend zwingend logisch darstellt: Seine Gestaltung hat immer etwas von Strömung, Chaos, Bewegung (Kunststück: was an erfolgreicher Gestaltung wirkt eigentlich nicht rückblickend logisch, wäre er Fleischer gewesen, man hätte auch hier eine Brücke zum Werk gebaut). In seinem Magazin Ray Gun ließ er Texte tanzen, kollidieren, verschwimmen. Leser*innen mussten sich nicht nur manchmal durch Layouts kämpfen wie durch eine Brandung – aber genau das war der Punkt. Carson wollte nicht, dass man einfach konsumiert. Er wollte, dass man fühlt.
Sein Stil – abrasiv, dekonstruktivistisch, explosiv, wild, anti-hierarchisch – wurde zum visuellen Soundtrack der Grunge-Ära. Während Nirvana die Musik aufmischte, zerlegte Carson die Typografie. Er zeigte, dass Schrift nicht nur Information transportiert, sondern Stimmung, Haltung, sogar Rebellion. Dass ein „A“ nicht nur ein „A“ ist, sondern ein Statement (auch ohne zwingend einen Kreis darum zu malen).
Kritiker warfen ihm und das völlig zu recht vor, Lesbarkeit zu opfern. Carson konterte sinngemäß: Wenn der Inhalt langweilig ist, warum sollte das Layout dann brav sein. Und wenn der Inhalt wirklich wichtig ist, dann liest man ihn auch, egal wie er gesetzt ist. Nun, ich glaube die meisten Fans begriffen seine Layouts wie ich als kraftvolle visuelle Statements, nicht als Tore zu Inhalten. Carson war der lustvoll erhobene Mittelfinger im Angesicht mikrotypografischer Exzesse einer sich zu dieser Zeit längst akademisierten Lesetypographie. Es war mehr das beherzte „Fuck you, warum Inhalte lesen, wenn man Inhalte fühlen kann!?“ der Typographie.
Heute gilt Carson zu recht als einer der einflussreichsten Typografen seiner Zeit. Nicht, weil man seine Stilmittel überall kopiert hätte – sondern weil er ganze Generationen von Designer*innen ermutigt hat, Grenzen zu brechen, mit Grenzen spielerischer umzugehen, dass Typographie kein Frontalunterricht im grotesk geprägtem Deutungsdominazraum ist. Er hat einer formal zwischen Helvetica und funktionaler Bauhausstrenge erstarrten Moderne gezeigt, dass Gestaltung nicht nur Ordnung schaffen muss, sondern auch Emotionen.
Carson hat die Typografie nicht neu erfunden, aber er hat ihr wieder den Atem eingehaucht, den es braucht um auch mal zu schreien.
Für meine neuen Versandtaschen greife ich also zu den gigantischen Holztypen, die ich anstelle auf einen akkuraten Druck à la règle abzuzielen für ein bisschen Carson unterschiedlich hoch unterlege und mit etwas zu wenig aber dafür zu greller neon orangener Farbe das Format ignorierend über dessen Kannten hinaus drucke, um die emotional überpräsent–grunge Anmutung eines nackttanzenden defekten Kopierers auf Pilzen zu erzielen. Carson hätte die Buchstaben noch zersägt und neu arrangiert. Ich gestehe: hier bin ich dann doch besitzbürgerlich verhalten, denn ich habe nur diese Holzbuchstaben. *seufz*

Carson ist/war auch einer meiner „Helden“. Da war jedes Design ein Statement. Habe ihn und auch den mehr technoiden Neville Brody immer sehr geschätzt und beide waren in meiner Ausbildungszeit zum Grafik-Designer echte Augenöffner.
Danke für das seltene Objekt in meiner Sammlung der „Bitte nicht knicken“ Schriften !
Und natürlich für den Inhalt …