Es gibt Brotsatz und es gibt Akzidenzsatz. Brotsatz ist das Setzen längerer Texte, bei denen es im Wesentlichen auf einen sauberen Blocksatz oder ein gefälliges Flattern ankommt. So etwas setzt sich schnell; als leidlich geübter Handsetzer komme ich auf etwa 1.250 Zeichen pro Stunde. Im Akzidenzsatz erreicht man das natürlich nicht, aber dort geht es ja auch um das Absetzen von Anzeigen, Bildformen und anderen Druckformen. Das ist wunderbarer Puzzlekram und erfordert neben einem guten Auge auch ein sicheres Gefühl für Formen und Flächen, es war ein Job für Spezialisierte Setzer.

Innerhalb des Akzidenzsatzes gibt es dann noch den Formelsatz für mathematische oder chemische Formeln. Dieser erfordert neben kundigem Setzen und einem guten Auge auch ausreichende Grundkenntnisse, um die Formeln überhaupt lesen zu können. Formelsatz ist meiner Ansicht nach die Königsdisziplin des Handsatzes und war ausschließlich Experten – und damit wenigen Verlagen – vorbehalten. Er war extrem aufwändig, da die komplexen Formeln für den Bleisatz wie ein Puzzle in Einzelelemente zerlegt werden mussten, aus denen die Setzer dann alle erdenklichen Formeln zusammensetzten. Die übliche Größe für Formelsatz war Petit, also 8p oder bommelig 3 mm – erst recht nichts, was man in einer schummrigen Windbude absetzt. Eine Seite mit chemischen oder mathematischen Formeln konnte schnell aus mehreren zehntausend Elementen bestehen und mehrere Tage Satzarbeit erfordern. Und dann hat so ein Formelbuch eben auch schnell ein paar hundert Seiten. Mit Einführung des Fotosatzes ab den 1950ern war der Formelsatz daher als erstes im Bleisatz für immer eingeschmolzene Geschichte. Ich kenne ausser meinem Bestand auch niemanden, der noch über Formelsatz verfügt.

Nun, Geschichte ist das eine, Geburtstage das andere. Ein Freund von mir hat demnächst einen – und er ist Brauer. Brauen ist genau sein Triggerthema. Das Thema bei dem er sich gerne spontan in abendfüllenden Fachvorlesungen verliert, nur weil man ihn nach dem Unterschied zwischen Pils und Ale, ober- oder untergärig, Alt oder Kellerbier fragte. Und wenn man es nicht anspricht, schleicht seine Fachlust wie ein sympathischer pavlovscher Hund beständig auf der Suche nach einem möglichen Einstieg in sein Rabbithole um das Gespräch. Wie auch immer: Ich höre ihm gerne zu und gehe selten dümmer aus dem Gespräch, als ich hineinging.

Soweit der Anlass (und mein Rabbithole), um zum Kasten mit den Chemieformeltypen zu greifen und anlassbezogen die Formel für Alkohol abzusetzen.

Man beginnt damit, einen Winkel aus Stahlstegen mit Satzmagneten auf der Schließplatte zu fixieren, die man zuvor abgewischt hat – niemand will am Ende eines der winzigen Einzelelemente nur deswegen aus dem Satz fischen, weil es durch ein Staubkorn zu hoch druckt. Gute Setzer erkennt man schon daran, dass sie als erstes die Platte putzen. Der fixierte Winkel dient als Anschlag, da Petit- oder 8p-Typen beim Satz auf dem Tisch zwei miese Eigenschaften haben: Sie wollen umfallen, und sie werden umfallen. Und weil das so ist, greift man zu einem zweiten Trick: dem Feuchtkissen. Man nutzt die Adhäsion, um die befeuchteten Typen aneinander haften zu lassen. Früher nutzte man Wasser, ich nutze mäßig flüchtiges Druckreinigungsmittel. Druckmaschinen bestehen aus Werkzeugstahl, und Werkzeugstahl quittiert Wasser mit Rost. Früher war das weniger wichtig, weil man alle Stahlflächen ständig mit Öl abrieb, um genau das zu verhindern; dennoch haben viele Pressen genau deswegen keine blanken Fundamente mehr. Druckreinigungsmittel hingegen ist wasserfrei – dafür ist es eben kein Pflegebad für die Finger.

Hat man alles abgesetzt, geht es auf die Presse, und man nimmt anhand des Korrekturabzugs die letzten Änderungen vor. Es ist schlicht nicht möglich, Formelsatz im Blei fehlerfrei zu setzen; dafür sind die Typen zu klein und zu vielfältig. So gibt es z. B. für gerade Linien auf Gevierten verschiedene Typen, damit im Formelbild alle Anschlüsse passen. Das bedeutet: Auf der Bildflächenhöhe von 3,008 mm gibt es vielerlei Lagen für gerade Linien – oben, Mitte oben, oberhalb Mitte, Mitte, unterhalb Mitte, Mitte unten und unten. Auf der Korrektur habe ich beispielsweise den beiden C des Kohlenstoffs die „unterhalb Mitte“-Linie erwischt. Fische, also falsch abgelegte Typen, sind hier nicht die Ausnahme, sondern Programm. Wobei ich eher glaube, dass man Formelsatz einfach nicht mehr zurücksortierte, weil es billiger war, ihn einzuschmelzen, als ihn in die Kästen zurückzulegen. Und die Lehrbuben konnte man – anders als bei 08/15-Titelschrift im Steckkasten – auch nicht dazu vergattern, weil es eben Experten mit langer Erfahrung brauchte.

Am Ende habe ich drei Stunden Spaß gehabt, um eine 15 × 25 mm große Formel abzusetzen und genau einmal sauber in Prozessblau auf strukturierten 600 g Gmund-Baumwollkarton abzuziehen.

2 thoughts on “Formelsatz

  1. Bei uns wurde damals für die Adhäsion, wenn überhaupt, lediglich Waschbenzin genommen. Und am Ende des Tages hatte man weiße und fast bis auf die Knochen ausgetrocknete Finger.

    1. Ah, dann gab es das auch schon früher. In den Druckereien, in denen ich unterwegs war, nahm man Wasser, wie es auch in den damaligen Lehrbüchern steht. 24/7 mit blanken Händen in Böttcherin zu werkeln bewirkt natürlich Hautalterung im Zeitraffer. Bei mir sind es nur ab und wann ein paar Stunden und im Nachgang, gute rückfettende Seife. Mengentext in Petit oder ähnlichem Augenpulver setze ich nur sehr selten, meist nur eine Zeile als Bildunterschrift und da brauche ich kein Waschbenzin- die hebe ich mit der Setzlinie direkt von der Kelle in die ausgelassene Stelle im Satz.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert