
Homöopathie ist keine Medizin, sie ist ein Symptom – ein Fieberzeichen dafür, wie bereitwillig eine moderne Gesellschaft ihre eigene Aufklärung auf dem Altar des Wohlfühl-Glaubens opfert. Dass wir in Deutschland für diese seit zwei Jahrhunderten unbelegten Wunschwelten sogar das Arzneimittelgesetz Sonderbriefmarke der Bundespost inklusive zum Binnenbeweis zurechtgebogen haben, ist kein Kavaliersdelikt, sondern ein Offenbarungseid. Ein Land, das sich einst der Vernunft verschrieb, kniet plötzlich vor Zuckerkügelchen, als wären sie die Hostien einer neuen Ersatzreligion.
Dabei war die Aufklärung unser größter zivilisatorischer Sprung: Sie band uns an das Faktische, an beleghafte, überprüfbare Wirklichkeit, an die das animalische, Impuls und Reflex glättende Zumutung, dass es eine objektive Wahrheit gibt, welche nicht verhandelbar ist. Sie befreite uns von der Herrschaft des Schicksals, von Kurpfuscherei, Aberglauben und der Willkür der Gefühle. Erst das Faktische entlarvte die pseudowissenschaftlichen Konstrukte, die Menschen etwa in Kategorien und „Rassen“ sortieren wollten. Erst das Faktische machte Demokratie möglich – eine Ordnung, in der alle gleich sind, weil es keine Ausnahmen für subjektive oder dogmatische Erhöhungen macht.
Und genau deshalb ist Homöopathie keine im Zweifel harmlose Spinnerei wohlstandsverwahrloster Selbstbequemer und Eskapisten. Sie ist ein Einfallstor in eine Welt, in der Evidenz nur noch eine Meinung ist. Wer glaubt, dass Wasser ein Gedächtnis hat, glaubt recht schnell auch, das Klima nur Wetter sei, dass Hautfarbe mit Intelligenz zusammenhängt, dass Erben eine Leistung darstellt, dass Besitz einen natürlichen Anspruch auf gesellschaftliche Mitbestimmung birgt, kurz gesagt, dass Fakten optional sind. Dass Wissenschaft nur stört. Dass man sich die Welt nach Gefühl und Machtbedürfnis zurechtbiegen darf. Von dort ist es ein kurzer Weg zur Impfverweigerung, zu verschwörungsgeladenen Parallelwelten, zu sektenhafter Isolation und zu jener gefährlichen Selbstgewissheit wie sie unerreichbar in den Klauen der Schwurbler Festhängenden zu eigen ist, welche echte medizinische Behandlungen verzögert, falsche Hoffnungen nährt und Menschen in Situationen bringt, in denen sie viel zu spät echte Hilfe suchen. Weil Homöopathie spaltet. Weil Homöopathie zu guten Teilen darin besteht, Krankheit mit Fehlverhalten von Mensch und Gesellschaft zu erklären. Krankheit also mit Schuld aufladend erschwert und die Betroffenen in Folge erst von der „Schulmedizin“, und dann recht schnell von dem die „Schulmedizin“ ermöglichendem und damit „bösem“ System isoliert. Homöopathie ist keine Medizin, es ist eine Gehirnwäsche und wie alle Glaubensbekenntnisse ein Herrschaftskult, weil sie in seiner Unübertragbarkeit die Heilung suchenden an den Heiler und nicht an die Methode bindet. Es auch keine „Alternativmedizin“, weil es nunmal keine alternative Gesundheit und daher auch keine alternative Medizin gibt. Homöopathie ist keine Medizin, sondern ein Erreger für den Menschen und für die Gesellschaft.
Denn ist die eigentliche Gefahr: Nicht das Kügelchen selbst, sondern die Haltung dahinter. Eine Haltung, die Wissenschaft als Zumutung empfindet und Wahrheit als Geschmackssache. Eine Haltung, die wir aus der Geschichte kennen – und die uns jedes Mal teuer zu stehen kam.
Wer Homöopathie als gleichwertige Medizin hofiert, mag das für eine harmlose Geste halten. In Wahrheit ist es ein Glaubensbekenntnis zur Wissenschaftsverweigerung. Und Wissenschaftsverweigerung ist kein Wellness-Trend. Sie ist ein Angriff auf die Grundpfeiler der Demokratie.