In der vergangenen Woche gab es wieder göttliche Eingebungen aus God’s Own Clown Country: Trump inszenierte sich als Heiland, die US‑Regierung sprach im sich abzeichnenden Religionsstreit zwischen den radikalen Evangelikalen der USA und Rom dem Papst vertiefte Bibelkenntnisse ab – nur um einen Tag später selbst einen filmfalschen Bibelvers zu zitieren. In dem Glauben, eine inspirierende Passage aus den prophetischen Büchern des Alten Testaments, genauer Hesekiel 25,17, vorzutragen, rezitierte der US‑Kriegsminister vor Soldaten Zeilen gleichen Titels, die inhaltlich jedoch aus Quentin Tarantinos Pulp Fiction stammen. Viele halten den Text aus dem Film tatsächlich für einen Bibelvers – ein populärer Irrtum, der allein dem archaisch klingenden Duktus geschuldet ist. Der Rachemonolog simuliert aus dramaturgischen Gründen eine biblische Aura, hat aber mit der heiligen Schrift nichts zu tun.
Nun, ich greife anlassbezogen zur Jessen, die zwar auch aussieht wie eine Bibelschrift, aber ebenso wenig Bibel ist, wie der zitierte Text. Rudolf Koch begann 1924 mit der Entwicklung dieser neuen gotischen Schrift für den Bibeldruck. Sein Ziel war eine strenge, klare und dennoch fein strukturierte Textur, die sich für lange religiöse Texte eignet. Zunächst lief sie unter den Arbeitstiteln „Bibel‑Gotisch“ oder „Koch‑Gotisch“. Charakteristisch für die Jessen ist die Kombination einer gotischen Minuskel mit römischen (Antiqua‑)Versalien – eine Hybridform, die Kochs stetes Ringen zeigt, die deutsche Schrifttradition mit modernen, klaren Formen zu verbinden.

Für die erste Komplikation analysiere ich die Buchstabenverteilung des Textes. Nichts ist ärgerlicher, als einen Satz auf den letzten Zeilen abbrechen zu müssen, weil ein bestimmter Buchstabe ausgeht. Steckschriften liegen – anders als Brotschriften – meist nur in zwei oder drei Minima vor. „Minimum“ bezeichnet im Bleisatz die kleinste Liefermenge einer Schrift, also die Menge, die man zum Setzen kleinerer Texte benötigt. Es sind Titelschriften, und für Titel braucht man gemeinhin nicht viel Text. Kompliziert wird es, weil die Schriftkästen für das Deutsche ausgelegt sind, dessen Buchstabenhäufigkeiten sich deutlich vom Englischen – und hier speziell vom Amerikanischen – unterscheiden. So ist etwa das y im Deutschen selten, im Englischen hingegen häufig. Deshalb prüft man vor dem Setzen, ob der Kasten genügend Typen hergibt.
Das Setzen selbst geht dank geübten Auges und „gutem Griff“ schnell von der Hand, auch wenn Fraktur über Kopf nicht so leicht zu lesen ist wie eine Antiqua. Doch auch hier hilft die Gewohnheit.

Die zweite Komplikation ist der Umstand es mit einer gänzlich toten Kunst zu tun zu haben. Eine Kunst ist dann tot, wenn ihre Werkzeuge nicht mehr hergestellt werden. Bleibuchstaben sind das zentrale Werkzeug des Bleisetzers und die werden bis auf wenige Ausnahmen heute nicht mehr hergestellt. Die Typen werden unter dem Druck nach und nach gestaucht, bis sie irgendwann unter Schrifthöhe sind. Schrifthöhe bezeichnet die Höhe allen druckenden Materials und sie beträgt bis auf wenige Ausnahmen weltweit typografisch 62 ⅔ p oder metrisch 23,567mm. Schon bei 23,56 mm werden die Buchstaben blass. Nun sind alle Schriften hier im Bestand 60-100 Jahre alt und haben entsprechend schon viel Arbeitsleben gesehen- die Handbleisatzära endete immerhin in den 1970ern. Daher muss man sich heute anders behelfen, wo man früher verbrauchte Schriften einfach eingoss, um neue zu erstellen. Es gehört heute zum Alltagsgeschäft Typen zu unterlegen, um sie wieder auf Schrifthöhe zu bringen. Normalerweise macht man das einzeln Type für Type mit unterschiedlich dicken Klebebändern und Klischeehöhenmessgerät. Letzteres eignet sich jedoch nicht für Schriftgrade unter 20p, weswegen ich hier den Text der Formlage nach aufrecht und nicht liegend drucke.

Normalerweise richtet sich die Formlage nach dem Durchschuss, also der Lage das Satzspiegels auf dem Papiernutzen. Hier drucke ich ins Endformat und aufrecht. Dadurch liegen die Zeilen parallel zum Druckzylinder und habe den Komfort zeilenweise ohne größeres Messen unterlegen zu können, da der Druckzylinder immer nur auf einer Zeile aufliegt. Beim liegenden Druck müssten alle Typen einzeln ausgemessen werden, damit nicht höhere Typen benachbarte niedrigere farblos hinterlassen. Beim aufrechten Druck reicht bei kleinen Graden ein zeilenweiser Ausgleich da der Zeilenabstand bewirkt, dass bei entsprechendem Aufzug alle Buchstaben drucken. Im nachstehenden Bild oben ohne Ausgleich, unten mit Ausgleich. Das Unterkleben bei 8p ist übrigens eine Arbeit für Menschen mit extrem ruhigen Gemüt.


Die letzte Komplikation ist eine für den Bleisatz typische: Setzen fordert beide Gehirnhälften. Layout, Abstände und Umbrüche verlangen ein bildmusterorientiertes Denken, während Interpunktion und Orthographie ganz andere Regionen beanspruchen. Bei den meisten Menschen – auch bei mir – führt das dazu, dass man beim Setzen kaum Fehler in Rechtschreibung oder Zeichensetzung erkennt. Früher übernahmen die mitlesende Korrektur Lektoren; heute macht man eine Pause und arbeitet im anderen Modus weiter. In diesem Fall half auch das Internet: Ich dokumentierte die Arbeit auf Social Media, und dort finden sich immer hilfreiche Leser*innen, die mitkorrigieren. Danke an dieser Stelle unter anderem an Anna Lyst, die mir hier seit langem immer wieder hilft.

Abgezogen habe ich das Blatt schließlich in Prozessblau auf ehrfurchtgebietend teurem, aber wunderbar fluffigem 300‑g‑Baumwollpapier von Gmund. Der Druck sinkt herrlich in das Material ein und erzeugt – neben der wunderbaren Haptik – bei entsprechender Beleuchtung diesen „göttlichen“ Kantenglanz an den Flanken. Gut, wahrscheinlich sehe das vor allem ich. Aber hey: Ich drucke ja im Wesentlichen auch nur für mich.



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Esekiel 25:17
Handgedruckte Karte in der Jessen in 12p und der Largo in 8p
Gedruckt in HKS Prozessblau auf 300g Gmund Baumwollpapier





