
Vernunft zeigt sich darin, das eigene Tun an den Umständen auszurichten, damit am Ende etwas Besseres entsteht – oder wenigstens kein zusätzlicher Schaden. Und weil das ohne Aufmerksamkeit, Rücksicht und ein Mindestmaß an geistiger Feinmotorik nicht funktioniert, ist Vernunft aufs engste mit Achtsamkeit verbunden. Achtsamkeit ist eine Grundkompetenz, ohne die keine Vernunft gelingt.
Es gibt jedoch eine bemerkenswerte, die politischen Lager von außen rechts bis weit über die Mitte nach links umgreifende Strömung, die Achtsamkeit für eine Art moralischen Weichspüler hält und Vernunft mit demonstrativer Unempfindlichkeit verwechselt. Für diese breite Strömung beginnt Vernunft dort, wo man aufhört, sich von Fakten, Folgen oder Menschen irritieren zu lassen. Achtsamkeit gilt als verdächtig, weil sie das Regime der Bauchgefühle bedroht, indem sie verlangt, die Welt nicht nur zu fühlen, sondern auch zu verstehen.
So entsteht eine bizarre Logik: Je weniger man auf die Wirklichkeit achtet, desto vernünftiger fühlt man sich. Die Welt wird zum Boxsack, die Realität zum Störgeräusch, und Vernunft zur Pose des Unerschütterlichen, der sich gerade dadurch definiert, dass ihn nichts erschüttern darf.
In diesem Weltbild ist Achtsamkeit kein Werkzeug der Vernunft, sondern ihr angeblicher Gegenspieler. Wer differenziert, gilt als verweichlicht. Wer abwägt, als unentschlossen. Wer hinschaut, als empfindlich. Und so wird die Achtsamkeit symbolisch auf dem Scheiterhaufen geopfert – als ob man durch das Wegsehen die Welt stabiler machen könnte.
Das Ergebnis ist eine Art politisch‑kulturelle Pyromanie: Man feiert sich dafür ausgerechnet das niederzubrennen, was man bräuchte, um vernünftig zu handeln und begreift die Verhandlung politischer Alternativen vorrangig als Überbietungswettbewerb in dieser Karikatur von Vernunft. Hier schreit die Union Zukunft indem sie ein nationales Gestern romantisiert, hier geißelt die SPD alles Soziale, hier präsentiert sich Özdemir als Retter des Diesel.
Vernunft ist jedoch kein Muskel, den man durch Härte trainiert. Sie ist ein Sinnesorgan. Und wer Achtsamkeit verbrennt, löscht damit das Licht, das ihm zeigt, wohin er tritt. Deswegen führt die Vorstellung Vernunft wäre die Abkehr von Achtsamkeit nicht nur zu Stillstand und Rückschritt, sondern zwangsläufig ins Dunkle der Zivilisation.