Das nächste Einbandposter will gedruckt werden, wofür ich es erstmal setzen muss. Nach Ende der Lohnarbeit zog ich mich daher zurerst ins Schreiben, dann in die Kontemplation einer Anprobe zurück. Anprobe bezeichnet das freie Setzen von Text auf ein Motiv und war im Akzidenzsatz gängige Praxis. Man setzt hierbei die Textformen direkt auf ein gespiegeltes oder symmetrisches Bild, um die Form zu bauen. Auf diese Weise kann man im freien Satz viel direkter als in der Skizze auf die Notwendigkeiten im Detail von Textverteilung, Textform und Layout reagieren. Eine Simulation im Computersatz funktioniert schon deshalb nicht, weil Bleischriften anderen Petitessen unterliegen, als Computerfonts. Auch werden die Schrifthöhen, Laufweiten etc. am Computer anders bestimmt, als im Analogen. Auch haben Digitalisierungen von Bleischriften nicht selten abweichende Zeichenbestände. Für grobe Vorlageskizzen reicht jedoch Computersatz, wenn man in Blei setzen will. Für mehr aber auch nicht. Und da bin ich mit der bildhaften Vorstellung im Kopf oder mit einer schnellen Bleistiftskizze um Klassen schneller als am Rechner. Und liegt sicher nicht an meinem Unvermögen im Umgang mit Computern, immerhin bin ich seit vor Photoshop 1.0 nativ beruflich am Rechner sozialisiert. Während jazzige Low-Fi-Tunes von Thievery Corporation wie ein Sommergetränk durch die Setzergasse perlen, stelle ich die Textform fertig und ziehe erste Proben auf Makulatur.

Es folgt die übliche und für mich im Prozess tatsächlich anstrengendste Phase, die der Textkorrektur. Mein Gehirn kann sich wahlweise auf Orthographie und Interpunktion oder auf Form und Inhalt konzentrieren. Eine Einschränkung, die ich wie ich weiß mit vielen bildschaffenden/visuell denkenden Menschen teile. Eine zuverlässige Schnittstelle habe ich in diesem Leben noch nicht gefunden. Der Umstand, dass es beim Druck im Nachhinein keine Korrekturfunktion gibt und dass sich die Zeit leider immer nich nicht für einen Neuansatz zurückdrehen lässt, trägt nicht eben zur Entspannung bei. Was gedruckt ist, ist eben gedruckt. *Seufz* Der Wechsel zwischen den Arbeitsmodi erfordert für mich Aufwand. Meine Tricks für die Bewältigung des Wechsels in einen anderen Arbeitsbereich sind etwa, zu korrigierende Texte buchstabenweise rückwärts zu lesen oder die Arbeit zu unterbrechen und mich nach einer Pause direkt der Textkorrektur zuzuwenden. 

Ein anderer im Bleisatz -für mich- komplizierter Schritt ist die Bestimmung der Farbe. Farbfächer sind oberhalb grober Anhaltspunkte wie wärmeres oder leuchtenderes, helles oder dunkles, bläuliches oder gelbliches Rot keine Hilfe, da die Farben auf dem Papier oft völlig anders stehen, als im Fächer. Daher geht kein Weg daran vorbei zuerst im Kleinen den gewünschten Ton auf dem Farbstein anzumischen, sich die Verhältnisse zu merken und dann die gewünschte Menge für die Auflage anzurühren. Nicht zu viel, man will ja nichts wegwerfen. Vor allem aber nicht zu wenig, man will auf keinen Fall vor Erreichen der Auflagenhöhe am Ende seiner Farbe sein. also meistens zu viel, sicher ist nunmal sicher. In beruflichen Druckereien wurden Farbmischungen und Mengen berechnet, in meiner Druckerei wird Berechnung durch Erfahrung, Gefühl und einer gewissen Toleranz ersetzt. Nicht dass ich nicht bereits den mathematischen Weg beschritten hätte und nicht dass hier keine Farbwaage herumstünde. Händisch passt mir für diese Projekte einfach besser. Die verwendeten Schriften sind übrigens die Palatino für den Textkörper und die Binder-Style für den Pseudo-Titel. Die zweifarbige Bildform ist wie eigentlich immer ein Holzschnitt von mir.

All das und noch viel mehr ist im Übrigen implizit auch Gegenstand des Plakates – Der große Unterschied zwischen Kreativität und Bestellen und Konsumieren ist der Aufwand, das Scheitern und das Wiederaufstehen und es halt so lange zu wagen, bis es klappt. Eben das, was die, die es aus Gründen nicht wagen als Talent beschreiben. Es ist in Summe das, was uns – vielleicht sogar als einzige Spezies – ausmacht: Die Gabe uns, unsere Umwelt und unsere Zukunft zu verändern. Diese Gabe, die Schöpfungskraft, ist wie alle Kräfte ohne Bewusstsein, ohne stetes Training bestenfalls beliebig, schlimmstenfalls als Kraft ohne Kontrolle zerstörerisch. Wir wissen, wie zerstörerisch wir ohnehin sind, selbst wenn wir unsere Schöpfungskraft trainieren – der Zustand unseres Planeten und eine mit Blut und Grausamkeit geschriebene Geschichte legen hier ein beredtes Zeugnis ab. Wie zerstörerisch daher das leistungslose, untrainierte und daher weitgehend unreflektierte und nicht selten auch gänzlich autonome, unbegleitete Bestellen von Ideen, Gedanken, Bildern, Entwürfen, Entscheidungen aus Basis errechneter Wahrscheinlichkeiten also des Durchschnitts unserer Mittelmäßigkeit erst sein mag, werden wir wohl nun feststellen.

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