Irgendwann im Plastikboom der 1970ern wurden für größere Schriftgrade ab etwa 36Punkt leichtere Materialien als die bewährte Blei-Antimon Legierung oder die Holzbuchstaben eingeführt. Das geschah aus Kosten-, aber auch aus Arbeitsschutzgründen, weil Blei beim Verschlucken eben nicht nur giftig, sondern auch noch sackrisch schwer ist. Holz hatte sich zwar in großen Graden, so ab etwa 72-96 Punkt fest etabliert, arbeitet aber als Naturwerkstoff mit der Witterung und bedarf daher der Nacharbeit des Setzers. Und das Standard Schriftholz Birne war in astfrei schon damals extrem teuer. Kunstoff sollte das nun lösen: leicht, verzugsfest, billig. Der bekannteste Vertreter der Plastikschriften waren die Plakadur bezeichneten, braunen Kunstharzbuchstaben der Firma Berthold. Aber auch andere Hersteller brachten Plastetypen auf den Markt. So ist mir heute dieser unbekannte Satz eines mir unbekannten Herstellers zugeflogen und ich habe sofort wieder gemerkt, warum ich Plakadur in für Plakatschriften eher kleinen Graden, hier 36 Punkt, ungern setze: die Typen sind federleicht. Federleicht ist toll zum Tragen, aber mistig zu setzen, weil einem ständig alles umfällt, sich verschiebt, nicht am Platz bleiben will. Auch interessant: diese Plakadur schrumpft offensichtlich beim Drucken, wie bei Holztypen musste ich einige Typen mit Klebeband unterlegen und auf druckende Schrifthöhe zu bringen.

Falls jemand einen Hinweis hat, um welche Schrift es sich hier handelt – ich würde mich über einen Hinweis freuen.

4 thoughts on “Unbekannte Plakadur

  1. Hallo Guido, die unbekannte Schrift gehört wohl zur Super-Grotesk-Familie. Zumindest legen das die vielen gestalterischen Übereinstimmungen nahe, so etwa die schrägen Abschlüsse, das M mit kurzer und spitzer Mitte, das G mit kurzer Vertikale und Querstrich, die 3 mit schmaler Mitte, die 4 mit dünner Diagonale, etc. Manche Formen wie das oben breite A mit tiefem Querbalken zeigen allerdings auch Abweichungen.

    Verglichen mit Mustern der Bleiversion sitzt die Schrift zwischen der schmalhalbfetten und schmalfetten Garnitur der Super-Grotesk. Diese wurden erstmals 1933 bei der Schriftguss AG in Dresden gegossen, nach Entwürfen von Arno Drescher. Die Unterschiede in Fettegrad und einzelnen Details rühren vermutlich daher, dass die Schrift für die Kunststoff-Fassung überarbeitet wurde. Es könnte auch größenspezifische Unterschiede zwischen den Graden geben. Oder aber es handelt sich um eine Bootleg-Version eines anderen Herstellers.

    Plakadur war der Markenname, den die H. Berthold AG (nicht D. Stempel AG) für das Kunstharz-Material verwendete, aus dem sie ab etwa 1950 Plakatschriften herstellte. Andere Firmen hatten auch solche Kunstharz-Schriften. Diese hießen i.d.R. aber nicht Plakadur.

    Die Super-Grotesk wurde nach dem II. Weltkrieg vom VEB Typoart weitergeführt. Ob diese Firma auch Kunstharz-Schriften im Programm hatte, ist mir nicht bekannt. Ein Katalog von Mitte der 1960er Jahre erwähnt die Verfügbarkeit der Super-Grotesk schmalfett als Plakatschrift in Holz.

    1. Vielen Dank, den Fehler mit dem Hersteller Berthold für Plakadur habe ich korrigiert. Den Hinweis auf DDR Produktion finde ich im Bezug auf diese Schrift naheliegend, da das schon sehr nach „Plaste & Elaste“ aussieht, nicht nur wegen der Farbe der Typen, sondern auch wegen ihrer eher nachlässigen, Mangelwirtschaft atmenden Fertigungsqualität. Ich werde mal bei VEB Typoart nachforschen, ob ich da etwas finde.

  2. Das S kippt,
    Das E erinnert mich an die Kabel,
    Jemand der dort anfing wo Hr. Renner endete: siehe Z,
    Das kopfige A mag ich, hätte er die Gewichtung nur durchgehalten.
    Laberlaberlaber. Ich kenne weder Type noch Schneider.

    1. Ja die Schrift wirkt unausgewogen, zusammengewürfelt. Sie hat viele Eigenheiten, etwa die 5, das S, welches unten leichter als oben ist, das & oder den handwerklichen Fehler beim N keine Einschnitte in den Beugen gesetzt zu haben, so dass diese beinahe zwangsläufig zulaufen. All das wäre bei einer handgeschnitzten Schrift erklärbar, nicht jedoch bei einem Industrieprodukt, bei welchem man auf Grund der Kosten für eine Fertigungsvorbereitung auch eine entsprechende Qualitätssicherung erwarten würde.

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