Irgendjemand meinte unlängst, es wäre schön mal ein Interview mit mir zu lesen. Nun, hier ist eure Gelegenheit mir Fragen zu stellen.

Abgeschickte Fragen werden erst sichtbar, wenn ich sie beantwortet habe.

24 thoughts on “Fragen an die Stifte

  1. Moin Guido, ich möchte gerne wissen, ob du dir beim zeichnen „zuguckst“ und auch immer ein bisschen gespannt bist, was deine Stifte so hervorbringen oder ob du immer schon vorab die komplette Idee im Kopf hast und sie dann „nur“ noch umsetzt. Und: wie bist du zum Schriftsatz gekommen? Hast du eine Ausbildung gemacht oder bist du Autodidakt?
    Immer SEHR beeindruckt von deinen Werken schicke ich dir liebe Fangrüße aus Hamburg,
    Steph

    1. Zeichnen ist für mich hier die Möglichkeit in Situationen, Rollen, Gefühle einzutauchen. Von daher ja: ich versetze mich in einen Zustand, in welchem ich möglichst nahe an die Wirkmächtigkeit der gewünschten Bildaussage komme. Mich also zumindest mit dem geistigen Auge selbst beobachte. Ich nenne es eine Art Method Acting und meine Frau lacht öfter, wenn ich unwillkürlich Grimassen schneidend oder auch gestisch einer bestimmten Spannung nachspüre. Zum Glück sehe ich mich beim Zeichnen nicht, denn würde ich mich selbst dabei sehen, ich wäre wohl kaum mehr als die Karikatur meines Gedankens oder Gefühls.

      Oft, aber nicht immer habe ich die Zeichnungen vorab im Kopf. Je konkreter, desto schneller komme ich bildlich auf den Punkt. Es gab aber auch auch schon Fälle, in welchen ich als Antwort auf eine konkrete Frage in der der Gesellschaft über Tage und Wochen nur ein unbestimmtes Gefühl, nur amorphe Bilder im Kopf hatte. Auch das ist normal, irgendwann steht dann unmittelbar ein gangbarer Ansatz vor meinem Auge. Den Rest erledigen die Stifte.

      Im Schriftsatz war ich viele Jahre lang studentische Hilfskraft an den damals noch existierenden, wunderbaren Druckwerkstätten mit ihren herausragenden Meistern der Universität Kassel. Das prägt. Eine formale Gesellenausbildung habe ich jedoch nicht.

  2. Hallo Herr Kühn,

    erst einmal Vielen Dank für Ihre Arbeit. Ich finde Ihre Karikaturen immer sehr treffend.
    Mich würde interessieren, wie lange Sie von einer Idee bis zur Veröffentlichung brauchen. Sind alle Ihre Illustrationen gezeichnet/gedruckt oder arbeiten Sie auch digital?

    Beste Grüße

    1. Ich brauche im Schnitt etwa 10 bis 30 Minuten pro Blatt, die Zeit für die Ideenfindung nicht mitgerechnet. Letztere kann ich zeitlich nicht einschätzen.

      Die Illustrationen zum Zeitgeschehen entstehen in reiner Handzeichnung, werden aber digital erstellt. „Reine Handzeichnung” bedeutet in diesem Fall, dass ich bis auf die Möglichkeiten des Radierens und Verschiebens keine digitalen Hilfsmittel wie Stiftunterstützung, Raster, Lineale oder Effekte nutze. Ich verwende drei digitale Stifte, die ihren analogen Pendants sehr nahe kommen: einen Bleistift, eine elastische Tuschefeder und zur farbigen Ausgestaltung der Zeichnungen einen Aquarellpinsel. Es ist die gleiche Arbeitsweise wie im analogen Bereich, nur dass ich ohne Montage der Vorzeichnung auf dem Leuchttisch auskomme und eine rückstandsfreie Retusche habe. Dadurch ist die Arbeit auch so schnell. Wenn ich Zeit hätte und es sich nicht um Wegwerfzeichnungen handeln würde, könnte ich, und habe es auch schon mehrfach so gemacht, jedes Blatt auch exakt so analog in Tusche und Aquarell auf Papier anlegen.

  3. Sehr geehrter Herr Kühn,

    Wie haben die Stifte sie gefunden, und welcher Stift-Gattung gehören diese an?

    Und natürlich Danke für so viele treffende Illustrationen.

    1. Die Stifte finden eher mich, ich probiere ständig neue aus. Gattung? Eigentlich jede, meine Lieblinge sind aber konstant Mitsubishi HiUni Bleistifte 6B-12B und elastische Brause und Zebra Zeichentuschefedern.

  4. Guido Kühn wie wichtig sind dir deine Titel ?

    Die Arbeit die du leistest ist immer wieder sehr tiefsinnig,
    deine Rhetorik
    scharfsinnig und selbsterklärend .Mir gefällt was du machst ,
    wünsche dir weiterhin viel Erfolg. MFG .

    1. Für sind es rein berufsbezogene Bezeichner, die ausserhalb des Berufskontextes keinerlei Relevanz haben. Wäre ich Maurer, Sanitäter oder Bademeister, ich würde ja auch nicht darauf bestehen ständig auch ausserhalb von Baustelle, Verbandsplatz und Schwimmbad als Maurer, Sanitäter oder Bademeister angesprochen zu werden.

    1. Die Geburt meiner Kinder. Das war der Moment, da mir, obwohl ich es mir vorher schon vom Kopf her klar war, auch vom Herzen endgültig klar wurde, dass es in im Leben nicht um mich geht, gehen kann. Zumindest nicht als vorherrschendes Zentrum meiner Sicht auf die Welt. Die Menschen haben sich ja oft mit Unsterblichkeit auseinandergesetzt. Sei es in Science-Fiction, sei es mythologisch bei Jungbrunnengeschichten oder religiös auf der Suche nach dem heiligen Gral und den Paradiesvorstellungen. All diesen Erzählungen ist gemein, dass sie im Kern individualistische Eskapismen sind. Ich für mich habe es anders erlebt, indem ich meine Kinder bis ins Erwachsenenalter und deren Kinder sah und sehe und ich mich in ihnen wiederfinde, gefiel mir der Gedanke, daß Kinder die Antwort auf der Suche nach dem Entrinnen der eigenen zeitlichen Begrenztheit sind. Und ab da ist man sich selbst nicht mehr so wichtig und begreift sich eher als eine kleine Episode in einer endlosen Kette von Episoden.

  5. Lieber Guido Kühn,

    herzlichen Dank, Ihre handwerklich treffliche und geistvoll immer treffsichere Arbeit begleitet mich seit langer Zeit. Als täglicher Teilzeitscharfschütze (Lifestylemodell halt) auf den politischen Murks unserer Gegenwart wüsste ich gerne: wie finden Sie in der Informationsüberflutung Ihre Themen? Wie wählen Sie aus? Beste Grüße

    bee

    1. Die Auswahl meiner Themen erfolgt entlang zweier Parameter: Ist es für mich relevant und ist es gesamtgesellschaftlich relevant. Themen, die für mich relevant sind merke ich, wie wohl alle Menschen, unmittelbar daran, dass sie meine Aufmerksamkeit binden. Dann schaue ich ob das Thema gesamtgesellschaftlich relevant ist. Das kann wahlweise seine Bedeutung für Wohl und Wehe sein oder der Umstand, dass es gerade viele Menschen bewegt. Letzteres ist einfach, das sind die täglichen Trends auf Social Media, ersteres ist eine Abwägungssache. Da habe ich Metathemen, die ich immer wieder einbringe, weil ich sie in den Diskurs bringen und idealer Weise dort halten möchte. Etwa Teilhabe, etwa Klima und Umwelt, etwa Demokratie. Aus der sich hieraus ergebenen Schnittmenge ergeben sich meine Themen. Die wenige Zeit, die ich zum Zeichnen meiner Illustrationen zum Zeitgeschehen habe, will ich nicht Kalauern oder Gemeinplätzen einräumen.

  6. Hallo Herr Kühn,

    ersteinmal vielen Dank für Ihre erfrischend klaren und scharfsinnigen Werke. Nun kann man aus diesen, denke ich, recht gut auf Ihren Gram bezüglich aktueller Ereignisse und Umstände schließen. Was mich allerdings beinahe noch mehr interessiert: wo denken Sie, geht die Reise hin? Was sind Ihre Mutmaßungen, was Ihre Hoffnungen für die Zukunft dieser auf einem Fels im Nichts dahindriftenden Spezies überheblicher Säugetiere?

    1. Aktuell geht die Reise unzweifelhaft in Richtung Autoritarismus. Global sowieso, aber auch hier. Die Gesellschaft wird gegen Dritte aber auch sich selbst gegenüber zunehmend kälter und härter. Man kann es an einer in der ständigen Reizüberflutung eher umerklichen Schwingung ablesen: Politik hat sich von der Verhandlung dessen was ein besseres Morgen sei zu einer Kakophonie geschürter Ängste gewandelt. Aufgabe der Politik wäre es eigentlich, den steten Wandel, welchem wir naturgemäß unterworfen sind gesellschaftlich zu „managen“. Die Grundvoraussetzung dafür ist dass man für Zukunftsmodelle wirbt, also Hoffnung verbreitet. Eben das Merkelsche „Wir schaffen das“. Zu dem konnte man so oder so stehen, aber sie sprach das eigentlich selbstverständliche aus, beziehungsweise das von dem wir gemessen an unserem Werte und Moralsystem dachten es sei selbstverständlich. Kaum eine Partei operiert zu Mehrheitsfindung heute noch mit Hoffnung. Die meisten operieren mit Ängsten, und die meisten Ängste haben gemein, dass sie im Vergleich aller Dinge, die uns Sorge machen sollten, aufgebläht werden oder gleich ganz erfunden werden. Es gilt heute großen Teilen des politischen Spektrums als vernünftige Politik sich nicht um nachhaltige Vorsorge des Gemeinwohles, sondern um abstrakte Ängste zu kümmern. Den damit einhergehenden Verlust von Anstand und des gemeinsam geteilten Verständnisses dessen was wahrhaftig sei, also dem Fundament einer gelebten Demokratie nehmen wir als Gesellschaft dabei billigend in Kauf.

      Wir laufen also in der wenigen Zeit die uns noch bleibt unseren Lebensraum nachhaltig bewohnbar zu halten herum und beschäftigen uns mit abstrakten Ängsten, weil uns das was uns tatsächlich existenzielle Angst machen müsste offensichtlich dermaßen überfordert, dass wir uns lieber über nicht mehr entfernbare Schraubdeckel an Pfandflaschen und dem vermeintlichen Risiko durch Bürgergeldbezieher*innen und Migrant*innen. Eine nachhaltige Zukunft muss jedoch eine soziale und eine ökologische sein. Das jedoch lässt sich nicht auf Basis von Hass und Ängsten aufbauen.

      Long Story short: Das wird so natürlich für uns nicht gut gehen.

  7. Guido, Dein Wirken inhaltlich hat viel mit D-Land, formal mit Brecht, mit Staek und John Heartfield gemein. Während die Themen sind international; Du arbeitest konsequent auf deutschen Schädeln, deutschem Grund.
    Ich wünsch mir n Kommentar zur rot-weissen Schweiz mit ihrem (h)armlosen Hakenkreuz.
    danke.

    1. Als in Deutschland beheimateter zeichne ich naturgemäß zu Themen, die mich direkt betreffen, für mich unmittelbar erfahrbar sind. Zu internationalen Themen zeichne nur dann, wenn ich meine dass sie eine überproportionale internationale Bedeutung haben. Aktuell etwa Klima oder aktuell die USA. Die Schweiz, zu der ich bereits mehrfach die Stifte in der Hand hatte, liegt derzeit eher nicht auf meinem Zeichentisch. Das soll keine Abwertung sein, ich bin halt kein Schweizer, noch wohne ich wie eine führende deutsche Rechtsextreme dort.

      1. danke Guido und danke für Deinen Humor betr. Wohnsitz.
        Es ist uns klar, Deine Standpunkte, just zu Medien, zu „absurd Reichen Regierung und Redaktionen“ etc. deckt sich mit Strategien in der Schweiz.
        Dein Ausruf: „Der ÖRR wird nicht gleichgeschaltet werden müssen, er tut dies diesmal selbst.“ lässt sich auch ob srg, deren vorauseilendem Gehorsam erzählen.

        Ich wünsche uns, dass Euch der ch-Wohnsitz erhalten bleibt und freue mich, wenn Dir Deine Wohnumgebung zum Thema wird.

        1. Im letzte Satz ist irgendwie der Wurm: Ich habe keinen Schweizer Wohnsitz, der mir erhalten bleiben könnte. Ich bin mir noch nichtmal sicher, ob dort eine permanente Wohnortnahme erlaubt bekäme, wenn ich sie denn wollte. Und meine Wohnumgebung ist eigentlich ständig Thema bei meinen Stiften. Schau hier:
          https://cartoons.guido-kuehn.de/urban-sketching/
          oder
          https://cartoons.guido-kuehn.de/spaziergangszeichnungen/

          Lieben Gruß
          Guido

  8. Lieber sehr ge-/verehrter, Herr Kühn,
    Ich LIEBE Ihre Zeichnungen.
    Immer auf den Punkt, immer mutig, immer eindeutig humanistisch. DANKE.
    Glauben/befürchten Sie, dass wir eine rechtsextreme AfD-Regierung bekommen?
    Eine rechtsradikale haben wir ja schon… oder geht dieser Kelch vielleicht doch noch an uns vorüber?

    1. Um Union und AFD rhetorisch von einander zu unterscheiden braucht es mittlerweile schon des öfteren einen Blick auf die Parteilogos unter den Aussagen. Strategen in der Union sehen offensichtlich bereits in der bloßen Existenz der AfD eine nicht unwillkommene Möglichkeit die Gesellschaft zu spalten und den Diskurs nach rechts aussen zu verschieben. Solange das so ist, riskieren wir eine rechtsextreme Regierung. Um sich dem entgegenzustellen brauchen wir die Wiederentdeckung des Anstands und des Faktischen in Politik und Gesellschaft. Das ist unsere Aufgabe als Bevölkerung, nur wenn wir es Politikern an den Wahlurnen nicht durchgehen lassen wird sich daran etwas ändern.

  9. Hallo Herr Kühn,

    als bisher stiller Mitleser sowohl der Karrikaturen als auch der Berichte aus der Druckerei (danke für beides!) werfe ich mal eine eher „technische“ Frage in die Runde:

    Welche Kleingeräte oder Hilfsmittel sind in der Druckerei wichtig und/oder extrem nützlich, aber in den Berichten / der Außendarstellung eher unsichtbar?

    1. Oh, eine Menge. Da wären beispielsweise die sprichwörtlich abertausenden von Spatien, Regletten und Quadraten. Das sind genormte Metallstücke in zig Dimensionen, die es braucht, um Texte wackelfrei auszurichten. Dann braucht jede Druckerei Möglichkeiten zum Papiperschnitt. Eigentlich ist die große Schlagschere der heimliche Mittelpunkt meiner Druckerei. Wasser wäre noch so ein Punkt, den man gerne vergisst, aber eine Druckwerkstatt ohne Gelegenheit zum Händewaschen ist weitgehend sinnfrei. Lappenkisten und Reinigungsbenzinflaschen mit Böttcherin Blau, man ist ständig am Putzen. Licht, gutes Licht an jeder Maschine und an jedem Arbeitsplatz erleichtert die Arbeit ungemein. Bei der Arbeit völlig unsichtbar aber unschätzbar: das zentrale Schriftverzeichnis, also der Katalog in welcher der zig Schubladen, welche Schrift zu finden ist. Die beiden Bücher „Praktische Winke für den Umgang mit Schrift“ Der Stempel AG und „Das Buch des Setzers“ von Genzmer gehören für mich ebenso in eine Bleisatz Akzidenz Setzerei, wie ein Wörterbuch in Fraktur, wenn man Fraktur setzt. Es gibt einfach zu viele Ausnahmen, um sich alle zu merken und sicher ist sicher. Von Ahlen und frischen Spitzen für diese kann man auch nicht genug haben. Ich habe noch einen Leuchtpult, was beim Einrichten mehrfarbiger Drucke sehr sinnvoll ist, weil man so mit ein, zwei Makulaturen den Stand hinbekommt, was ansonsten schon mal viel Ausschuss bedeutet, bis die Passer genau sitzen. Weder last not least: eine Dosier-Ölkanne mit langer Tülle. Ich sah zig Druckereien, in denen die Maschinen Mitte/Ende des letzten Jahrtausends das letzte Mal Öl gesehen haben. Die Maschinen wollen aber nach jedem Einsatz abgeschmiert werden. Naja und ein Papierlager gehört dann auch dazu. Ganz wichtig: Heizung. Bleischriften bestehen aus eine Blei-Zinn-Antimonlegierung. die kann (muss aber nicht, die Auslöser sind m.W. noch nicht ganz erforscht) bei Temperaturen unter ~10°C Bleipest ausbilden, dabei oxidieren die Schriften zu grauem Staub. Die Bleipest ist tatsächlich für andere Schriften ansteckend, befallene Schriften müssen isoliert werden, eigentlich weggeworfen. Eine Werkzeugkiste mit einem gutem Grundwerkzeugsatz für Schlosserarbeiten. Im Ulmer Druckverein kriege ich im Drucksaal jedes Mal die Flocken, wenn ich einen abgebrochenen Schraubendreher anfassen muss, weil es der einzige ist. Da lobe ich mir meine wohlsortierte Werkzeugtruhe in meiner Werkstatt.
      Ich lasse gerade meinen Blick durch die Werkstatt schweifen und denke ich belasse es mal dabei, auch wenn es noch so viele unbesungene Helden in dieser gibt.

  10. Lieber Guido,
    ich schätze die Stifte und ihre treffsicheren Kommentierungen sehr. Insbesondere in einer Welt und Öffentlichkeit, in welcher ansonstenen ein konsequent formulierter, humanistischer Wertekompass extrem rar und selten geworden ist. Leider auch, da viele Menschen welche die Fahne für ein „Miteinander“ und oft schon für die reine Verbalisierung der realen Naturgesetzte und gesellschaftlichen Gegebenheiten teils enormen Hass und Angriffen ausgesetzt sind. Die andere Seite die ich eher als stiller Beobachter am Rande genieße ist aber auch die Freude am Handwerk, an dem enorm vielfältigen und in vielen Belangen auch für mich faszinierendem Feld alter Drucktechnik: Von der Technik über die Maschinen bis hin zu den Typen und Farben. Erst durch die Umbände ist mir wieder bewusst geworden, wie „toll“ eine einzelne Farbe auf Papier wirklich sein kann.

    Eine Frage beschäftigt mich aber wirklich: Die Kommentierung der Stifte läßt keine Zweifel über, dass diese umfänglich und sich auch aller Abgründe und negativen Implikationen sehr, sehr bewusst sind. Auch in meinem Umfeld erlebe ich, dass die „hinsehenden“ allesamt sehr damit ringen, eine positive und lebensbejahende Haltung aufrecht zu erhalten, und selbst am ganzen Elend zu zerbrechen. Andere stürzen sich in den Eskapismus oder neglieren, selbst einfachste Wahrheiten anerkennen zu wollen. Wie gelingt den Stiften hier der Ausgleich, um nicht daran zu zerbrechen. Ich glaube auch, dass diese schonungslose „hinschauende“ und dennoch humanistisch – nicht populistisch oder ad hominem – agierende Haltung ein breites Publikum überfordert. Was ich schade finde, denn die Botschaften der Stifte sind allesamt richtig und wichtig! Würden die Stifte ggf. im Sinne der Sache nicht doch gern auch bisschen mehr Anschluss in der Öffentlichkeit finden wollen?

    1. Mehr Anschluss in der Öffentlichkeit? Ich sehe nicht, wie das gehen soll – zumindest nicht, ohne in Richtung Personenkult abzurutschen. In Deutschland ist es üblich, ab einem gewissen Punkt die Personality‑Bedürfnisse des Publikums zu bedienen, um Inhalte überhaupt transportieren zu können: als Gesicht in der Öffentlichkeit, auf Bühnen, in Medien. Genau das verweigere ich konsequent, weil es hier nicht um mich geht.
      Abgesehen davon probiere ich alles aus, was mir offensteht. Die Erfahrung bisher ist jedoch, dass sich mein Beitrag meist in einem flüchtigen Interesse erschöpft, das sich etwa in einem Like auf Social Media ausdrückt. Dem begegne ich mit Frequenz. Habe ich früher einen illustrierten Kommentar pro Woche – manchmal sogar seltener – erstellt, fertige ich heute im Schnitt 1,3 pro Tag an. Damit erhöhe ich in sprichwörtlicher Handarbeit die Reichweite meiner Stifte. Vielleicht habe ich aber auch nicht das richtige Medium, oder einfach nicht die richtige Form und Güte – das wäre fatal, aber es ist eben mein Medium und meine Art. Und damit bin ich völlig fein, denn wie gesagt: Es geht nicht um mich.

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